Digital resources in the Social Sciences and Humanities OpenEdition Our platforms OpenEdition Books OpenEdition Journals Hypotheses Calenda Libraries OpenEdition Freemium Follow us

Napoleon III. und die Ambivalenzen plebiszitärer Herrschaft

Einleitung

Demokratien – zumindest in ihrer modernen repräsentativen Form – sind ohne Wahlen kaum vorstellbar. Umgekehrt gilt dies jedoch nicht: Wahlen existieren keineswegs nur in Demokratien. Bereits in der Vormoderne bildeten sie ein wichtiges institutionelles Prinzip politischer Herrschaft, wie Lars Behrisch jüngst in seinem Buch Democracy’s Double Helix betont hat. Auch in der Moderne gehören Wahlen zum Repertoire autoritärer und diktatorischer Regime, in denen sie – wie Daniel Treisman und Sergei Guriev in Spin Dictators zeigen – zunehmend zu einem wichtigen Instrument der Herrschaftssicherung und -legitimation werden.

Das Verhältnis zwischen Wahlen und Demokratie ist also komplex. Auf der einen Seite verdeutlicht der breite Rekurs auf Wahlen und Wahlkämpfe auch in nichtdemokratischen Kontexten, wie sehr das Versprechen politischer Partizipation seit dem 19. Jahrhundert zu einer allgemein akzeptierten Norm geworden ist. Auf der anderen Seite bedeutet dies, dass Wahlen allein noch keine demokratische Gesellschaft begründen. Damit setzt der vorliegende Beitrag ein Leitmotiv dieses Themendossiers fort. Während der erste Beitrag am Beispiel der frühen Vereinigten Staaten gezeigt hat, dass sich ein breites, große Teile der Bevölkerung einschließendes Wahlrecht im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert nur langsam durchsetzte, richtet sich der Blick nun in die entgegengesetzte Richtung: Wie wurden Wahlen, Volksabstimmungen und andere Formen der Partizipation im 19. Jahrhundert zu Instrumenten autoritärer Herrschaft?

Kaum ein Beispiel veranschaulicht diese Ambivalenz so deutlich wie die Herrschaftspraxis Napoleons III. Als Präsident der Zweiten Republik (1848–1851) und anschließend als Kaiser des Zweiten Kaiserreichs (1852–1870) machte er den unmittelbaren Rekurs auf den „Volkswillen“ zum Kern seiner politischen Legitimation. Seine Herrschaft gilt deshalb vielfach als Prototyp eines „plebiszitären Autoritarismus“. Während die ältere Forschung die Plebiszite und Wahlen vor allem als propagandistische Inszenierungen autoritärer Macht interpretierte, betont die neuere Forschung stärker, dass sie durchaus auf gesellschaftliche Resonanz stießen. Gerade diese Verbindung von autoritärer Herrschaft und plebiszitärer Legitimation macht den Bonapartismus zu einem besonders aufschlussreichen Fall für die Geschichte von Wahlen und Wahlkämpfen im 19. Jahrhundert. Das Beispiel zeigt, dass die Geschichte moderner Wahlen nicht nur eine Geschichte der Demokratisierung, sondern auch eine Geschichte der Aneignung demokratischer Legitimationstechniken durch autoritäre Regime ist.

Napoleon III. und die (Neu-)Erfindung des Bonapartismus (1830-1848)

Charles-Louis-Napoléon Bonaparte schien auf den ersten Blick kaum dazu prädestiniert, die Rolle eines modernen Volkstribuns einzunehmen. Als Sohn Louis Bonapartes, des jüngeren Bruders Napoleons I., rückte er nach dem Tod des Herzogs von Reichstadt 1832 zum wichtigsten dynastischen Erben Napoleons und selbsterklärten Fortführer des Bonapartismus auf. Persönlich erschien er vielen Zeitgenossen jedoch wenig beeindruckend. Immer wieder wurde daher der Kontrast zwischen dem legendären Onkel und seinem Neffen hervorgehoben. Besonders Karl Marx und Alexis de Tocqueville zeichneten später das Bild eines Mannes, dessen einziges politisches Kapital in seinem berühmten Namen bestand – und der kaum in der Lage schien, diesem Erbe gerecht zu werden.

Diese Interpretation prägte lange Zeit auch das Bild Napoleons III. in der Geschichtswissenschaft. Neuere Forschungen haben dagegen stärker seine politische Modernität hervorgehoben und betont, wie zielstrebig Louis-Napoléon seit den 1830er Jahren daran arbeitete, sich in die Tradition seines Onkels zu stellen und den Bonapartismus zugleich für die politische Kultur des 19. Jahrhunderts anschlussfähig zu machen. Er profitierte dabei von dem wachsenden Napoleon-Kult, der sich seit den 1820er Jahren in Frankreich herausbildete. Schon während seines Schweizer Exils begann er, sich systematisch als „zweiten Napoleon“ zu inszenieren und daraus politische Ansprüche abzuleiten. Zugleich beließ er es nicht bei der Erinnerung an seinen Onkel, sondern arbeitete gezielt daran, den Bonapartismus programmatisch neu zu definieren und an die politischen Herausforderungen des 19. Jahrhunderts anzupassen.

Bild 1: Die Brüsseler Erstausgabe der Idées Napoléoniennes. Noch im selben Jahr erschien das Buch auch in Paris, sowie in einer deutschen und einer spanischen Übersetzung. Eine englische Übersetzung erschien im darauffolgenden Jahr.

Eine programmatische Ausformulierung fand diese Neuinterpretation in der 1839 erschienenen Schrift Des Idées napoléoniennes. Darin löste Louis-Napoléon den Bonapartismus bewusst von seinem militärischen Ursprung. Die „napoleonische Idee“, so seine berühmte Formulierung, sei „nicht eine Idee des Krieges, sondern eine soziale, industrielle, kommerzielle und humanitäre Idee“. Der Bonapartismus erschien damit nicht länger als Ideologie militärischer Eroberung, sondern als Programm wirtschaftlicher Modernisierung und sozialen Fortschritts. Ebenso grundlegend war die Neubestimmung politischer Legitimität. Statt auf ein dynastisches Argument zu setzen, das im Frankreich der Julimonarchie auch kaum Erfolgsaussichten besaß, verwies Louis-Napoléon auf den vermeintlichen Ruf des Volkes als Legitimation seines eigenen Herrschaftsanspruchs – ein Gedanke, der später zum Kern seiner politischen Praxis werden sollte. Eine ideale Bühne für diese Selbstinszenierung bot der von der Julimonarchie organisierte retour des cendres von 1840 – die feierliche Überführung der sterblichen Überreste Napoleons I. von St. Helena nach Paris. Louis-Napoléon ließ seine Idées napoléoniennes im selben Jahr noch einmal als populäre Broschüre drucken und argumentierte damit: Nicht nur Napoleons Gebeine sollten nach Frankreich zurückkehren, sondern auch dessen Ideen.

Trotz dieser programmatischen Neuorientierung und partiellen Distanzierung von der militärischen Dimension der napoleonischen Tradition suchte er den Weg zur Macht zunächst über den klassischen bonapartistischen Staatsstreich – und scheiterte damit zweimal. Der erste Putschversuch, den er 1836 in Straßburg gegen die Julimonarchie unternahm, brach bereits nach wenigen Stunden zusammen. Um ihm keine größere öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen, verzichtete die Regierung sogar auf eine Anklage und verwies ihn stattdessen außer Landes. Vier Jahre später scheiterte auch ein zweiter, kaum besser vorbereiteter Umsturzversuch in Boulogne. Diesmal wurde Louis-Napoléon zu lebenslanger Haft in der Festung Ham verurteilt.

Politisch machten ihn diese spektakulären Fehlschläge zunächst eher zur Spottfigur als zu einem ernsthaften Anwärter auf die Macht. Zugleich verschafften sie ihm jedoch erstmals landesweite Bekanntheit. Die sechs Jahre in Ham erwiesen sich darüber hinaus als Phase intensiver programmatischer Arbeit. Mit Schriften wie der Analyse de la question des sucres von 1842 und insbesondere De l’extinction du paupérisme von 1844 griff Louis-Napoléon die soziale Frage der Zeit auf und präsentierte den Bonapartismus als Antwort auf Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Unsicherheit. Dadurch wurde der Bonapartismus programmatisch mit sozialen Reformversprechen verknüpft und gewann neue Attraktivität für breite Bevölkerungsschichten.

Als ihm 1846 die Flucht aus der Festung gelang und er nach London zurückkehrte, deutete dennoch wenig auf eine bevorstehende politische Karriere in Frankreich hin. Vielmehr schien sich das Urteil vieler Zeitgenossen zu bestätigen, die in ihm eher einen glücklosen Abenteurer und politischen Dilettanten sahen als einen künftigen Staatsmann.

Die Wahl von 1848 und die Legitimierung über den „Willen des Volkes“

Erst die Revolution von 1848 eröffnete Louis-Napoléon einen neuen politischen Möglichkeitsraum – obwohl er in keiner Weise zu deren prägenden Akteuren gehörte. Während des Umsturzes lebte er weiterhin im Londoner Exil. Sein Versuch, unmittelbar nach dem Sturz der Julimonarchie nach Paris zurückzukehren, endete mit seiner raschen Ausweisung durch die provisorische Regierung. Weder war er an der Revolution selbst beteiligt noch spielte er bei der Ausarbeitung der republikanischen Verfassung eine nennenswerte Rolle. Auch nachdem er im Herbst 1848 schließlich sein Mandat in der Nationalversammlung antrat, blieb er politisch weitgehend im Hintergrund.

Gerade die wichtigste demokratische Errungenschaft der Revolution erwies sich als Chance für Louis-Napoléon. Mit der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts wuchs die Zahl der Wahlberechtigten schlagartig von rund 250.000 auf etwa zehn Millionen – ein Einschnitt ohne Beispiel im Europa des 19. Jahrhunderts. Damit erfüllte sich zwar eine zentrale Forderung der republikanischen Bewegung. Doch bedeutete das allgemeine Wahlrecht keineswegs, dass nun zehn Millionen liberal oder republikanisch gesinnte Franzosen an die Urnen traten. Vielmehr entstand ein neuer politischer Raum, in dem nun auch Louis-Napoléons neuformulierter Bonapartismus plötzlich auf ein Massenpublikum traf.

Spätestens nachdem Louis-Napoléon bei den Nachwahlen vom September 1848 in fünf Départements – darunter auch Paris – mit teilweise überwältigenden Mehrheiten gewählt worden war, gehörte er zu den aussichtsreichsten Kandidaten für die bevorstehende Präsidentschaftswahl. Paradoxerweise beruhte seine Stärke gerade darauf, dass er politisch weitgehend ein unbeschriebenes Blatt geblieben war. Während andere Bewerber, allen voran General Cavaignac, durch ihre Rolle während der Revolution und insbesondere bei der blutigen Niederschlagung des Juniaufstands für viele Wähler diskreditiert waren, konnte Louis-Napoléon ganz unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen ansprechen. Sein Name stand für nationale Größe und Ordnung, seine politischen Positionen blieben dagegen bewusst offen. Diese programmatische Unbestimmtheit erlaubte es ihm, sehr verschiedenen Wählergruppen unterschiedliche Hoffnungen zu vermitteln.

Portrait von Louis-Napoléon aus dem Wahlkampf von 1848, in dem die Bezugnahme auf Napoleon dabei explizit zum Programm erhoben wird: „Son nom seul en inspirera à toutes les nations“.

Mit programmatischen Aussagen hielt sich Louis-Napoléon während des Wahlkampfs weitgehend zurück. Sein einziges programmatisches Dokument war das kurze Manifest du Prince Louis-Napoléon vom 27. November 1848, das jedoch weniger ein politisches Programm als ein Stück politischer Selbstinszenierung darstellte. Bereits der erste Satz betonte, das französische Volk habe ihn durch seine Wahl zum Abgeordneten aus dem Exil zurückgerufen. Sehr bewusst präsentierte er sich nicht als machtbewusster Bewerber, sondern betonte, nur dem Ruf des Volkes zu folgen. Zugleich räumte er ein, dass dieser Ruf zunächst eher seinem Namen als seiner Person gegolten habe – die persönliche Anerkennung müsse er sich erst noch verdienen.

Auch inhaltlich blieb das Manifest betont offen. Mit Recht ist gesagt worden, Louis-Napoléon habe „allen alles“ versprochen. Bekenntnisse zu Privateigentum und wirtschaftlicher Entwicklung standen neben der Forderung nach einer aktiveren Rolle des Staates, das Versprechen, Frankreichs Ehre zu wahren, neben der Versicherung rein friedlicher Absichten. Die Ablehnung radikaler Experimente verband sich mit der Zusicherung, die politischen Grundrechte und die Pressefreiheit zu achten. Eine bewusst bescheidene Rhetorik hielt diese unterschiedlichen Positionen zusammen: Er sei „kein Ehrgeizling, der vom Kaiserreich und vom Krieg träume“, sondern wolle nach vier Jahren „eine gefestigte Macht, eine unversehrte Freiheit und einen wirklichen Fortschritt“ hinterlassen. Das klang drei Jahre später etwas anders, verdeutlicht aber, wie erfolgreich Louis-Napoléon die bereits zuvor entworfene Selbstinszenierung in den Wahlkampf von 1848 übertrug.

Bild 3: Louis-Napoléon Bonaparte, Manifeste du Prince Louis-Napoléon, Paris, 27. November 1848. Flugblatt, Rethel: Imprimerie Torchet, 1848.

Louis-Napoléons Wahlsieg erklärt sich sicherlich nicht allein aus diesem Manifest. Gerade weil sich die meisten seiner Konkurrenten im Verlauf der Revolution bereits politisch eindeutig positioniert und zum Teil diskreditiert hatten, fiel es ihm leicht, sich als Kandidat „über den Parteien“ zu präsentieren. Der Erfolg war dennoch überwältigend. Mit 74,2 Prozent der Stimmen gewann Louis-Napoléon die erste direkte Präsidentschaftswahl Frankreichs mit großem Abstand. Seine stärkste Unterstützung fand er zwar auf dem Land, doch auch in Paris und zahlreichen anderen Städten erreichte er die Mehrheit. Insgesamt entfielen 5,43 Millionen Stimmen auf ihn – mehr als auf jeden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten bis zur Wahl von 1888.

Das Zweite Kaiserreich als plebiszitäre Autokratie

Die Präsidentschaftswahl von 1848 gehörte mit rund neun Millionen Wahlberechtigten und mehr als sieben Millionen abgegebenen Stimmen zu den größten demokratischen Massenwahlen des 19. Jahrhunderts. Der überwältigende Wahlsieg machte Louis-Napoléon zum ersten direkt gewählten Präsidenten Frankreichs – und zum letzten bis zu de Gaulle im Jahr 1965. Zugleich trug die Verfassung der Zweiten Republik bereits den Keim einer politischen Krise in sich. Sie sah vor, dass der Präsident nur für eine vierjährige Amtszeit gewählt werden und anschließend nicht unmittelbar erneut kandidieren durfte. Für Louis-Napoléon stellte sich damit schon kurz nach seinem Amtsantritt die Frage, wie sich die persönliche Legitimation durch den Volkswillen mit den zeitlichen Grenzen der republikanischen Verfassung vereinbaren ließ.

Ob Napoleon den Weg zum Staatsstreich bereits seit 1848 geplant hatte, ist in der Forschung umstritten. Unstrittig ist jedoch, dass er früh damit begann, seine Herrschaft zunehmend auf den vermeintlichen Willen des Volkes zu stützen. Auf ausgedehnten Reisen durch Frankreich inszenierte er sich als Präsident des Volkes und suchte bewusst den Kontakt zur Bevölkerung. Zugleich argumentierte er gegenüber den konservativen Eliten, nur seine Wiederwahl könne einen erneuten Sieg der Republikaner und Sozialisten verhindern. Im Zentrum dieser Strategie stand der Versuch, die Verfassung auf legalem Weg ändern zu lassen. Da hierfür jedoch eine Dreiviertelmehrheit der Nationalversammlung erforderlich war, bemühte sich Louis-Napoléon, den politischen Druck durch eine landesweite Petitionsbewegung zu erhöhen. Bis 1851 wurden rund 1,6 Millionen Unterschriften gesammelt, die eine Änderung der Verfassung und seine Wiederwahl forderten. Die Petitionen waren selbstverständlich keine spontane Willensbekundung der Bevölkerung. Wie Diego Cerezales und Lucia Rubinella gezeigt haben, waren sie jedoch auch nicht ausschließlich von oben gesteuert, sondern verdeutlichen, dass sich der Bonapartismus durchaus auf reale gesellschaftliche Zustimmung stützen konnte – insbesondere in den ländlichen Regionen Frankreichs.

Als sich der Weg einer Verfassungsänderung als nicht durchsetzbar erwies, griff Louis-Napoléon am 2. Dezember 1851 zum Mittel des Staatsstreichs. Der Coup war militärisch sorgfältig vorbereitet und wurde insbesondere außerhalb von Paris von erheblicher Gewalt begleitet. In zahlreichen Départements kam es zu republikanischen Aufständen, die blutig niedergeschlagen wurden; Zehntausende Menschen wurden verhaftet oder deportiert. Charakteristisch war jedoch, dass Louis-Napoléon nur drei Wochen später die Bevölkerung in einem Plebiszit über sein Vorgehen abstimmen ließ. Ein Jahr später folgte ein weiteres Referendum, das die Errichtung des Zweiten Kaiserreichs und die Einführung der erblichen Kaiserwürde bestätigte. Auch hierin knüpfte Louis-Napoléon an die Herrschaftspraxis seines Onkels an, der seinen Staatsstreich des 18. Brumaire, die anschließende Ernennung zum Konsul auf Lebenszeit und schließlich die Errichtung des erblichen Kaiserreichs jeweils durch ein Plebiszit hatte absichern lassen.

Die Wahlergebnisse von weit über 90% sollten dabei nicht allzu ernst genommen werden. Dennoch lassen sich die Abstimmungen auch nicht einfach als bloße Scheinplebiszite verstehen. Zweifellos wurden sie von der Regierung organisiert und unter Bedingungen durchgeführt, die mit freien demokratischen Wahlen nicht vergleichbar waren. Zugleich spricht aber vieles dafür, dass Napoleon III. zumindest in den ersten Jahren seiner Herrschaft tatsächlich auf eine beträchtliche Zustimmung bauen konnte. Gerade deshalb hat sich die Forschung zunehmend von einer Interpretation gelöst, die die Plebiszite lediglich als propagandistische Inszenierungen versteht. Charakteristisch für den Bonapartismus war vielmehr die enge Verbindung von autoritärer Herrschaft und Volkssouveränität. Der Staatsstreich wurde militärisch durchgesetzt, mit den Plebisziten aber auf einen vermeintlichen Willen des Volkes zurückgeführt. Damit verband Napoleon III. autoritäre Machtausübung mit demokratischen Legitimationsformen in einer Weise, die für das Verständnis moderner autoritärer Herrschaft bis heute aufschlussreich geblieben ist.

Bild 4: Plébiscite du 8 mai 1870 : proclamation de l’Empereur (Paris, 1870).

Es würde jedoch zu weit gehen, den Rekurs auf Plebiszite zum Grundprinzip der Herrschaft Napoleons III. zu erklären. Nachdem er seine persönliche Macht durch die Volksabstimmungen von 1851 und 1852 abgesichert hatte, griff er fast zwei Jahrzehnte lang nicht mehr auf dieses Instrument zurück. Erst als seine Herrschaft Ende der 1860er Jahre in eine zunehmende politische und gesellschaftliche Krise geriet, gewann der Rekurs auf den Volkswillen erneut an Bedeutung.

Stellvertretend hierfür steht insbesondere das Plebiszit vom Mai 1870, mit dem Napoleon III. vor allem versuchte, eine schon zuvor erzwungene Liberalisierung und partielle Machtbeschränkung als Akt eigener politischer Souveränität zu inszenieren. Zur Abstimmung standen daher nicht allein die jüngsten Verfassungsreformen, sondern die gesamte Entwicklung zum sogenannten „liberalen Kaiserreich“. Der Kaiser präsentierte die Liberalisierung damit nicht als Ergebnis politischen Drucks, sondern als Ausdruck eigenen Reformwillens und seiner weiterhin unmittelbaren Verbindung zur Nation.

Die Volksabstimmung vermochte den Niedergang des Kaiserreichs dennoch nicht aufzuhalten. Nur wenige Monate später endete Napoleons Herrschaft nicht durch eine Wahl oder den Verlust plebiszitärer Zustimmung, sondern mit seiner Gefangennahme in der Schlacht von Sedan im September 1870.

Ambivalenzen der Volkssouveränität

Die Verbindung autoritärer Herrschaft mit partizipativen Legitimationsformen ist keineswegs auf das 19. Jahrhundert beschränkt. Wenn heute in Russland, Belarus oder Venezuela Wahlen stattfinden oder sich Regierungen ihre Politik durch Referenden bestätigen lassen, geht es oft ebenfalls weniger um offene politische Konkurrenz als um die öffentliche Inszenierung von Zustimmung. Der Rekurs auf den Willen des Volkes wird damit selbst zu einem zentralen Bestandteil autoritärer Herrschaft.

Im heute oft verwendeten V-Dem-Index ließen sich viele dieser Regime als electoral autocracies klassifizieren. Bei aller Vorsicht gegenüber einer ahistorischen Übertragung moderner Kategorien beschreibt diese Bezeichnung auch das Zweite Kaiserreich unter Napoleon III. relativ treffend. Gerade hierin liegt die historische Bedeutung des Bonapartismus: Er verband autoritäre Machtausübung mit Verfahren demokratischer Legitimation, ohne dass beides als Widerspruch erscheinen musste.

Der Bonapartismus war dabei jedoch keine historische Ausnahme. Das 19. Jahrhundert war insgesamt von einer Vielzahl politischer Praktiken geprägt, die auf den Willen des Volkes verwiesen, ohne deshalb demokratisch zu sein. Wahlen, Volksabstimmungen, Petitionen und Loyalitätsadressen konnten ebenso der Ausweitung politischer Partizipation dienen wie der Stabilisierung bestehender Herrschaftsordnungen. Gerade in einer Zeit, in der das allgemeine Wahlrecht noch keine etablierte Norm darstellte, erhoben solche Verfahren häufig den Anspruch, unmittelbarer für die Nation zu sprechen als Parlamente oder andere repräsentative Institutionen. Napoleon III. trieb diese Entwicklung lediglich besonders konsequent auf die Spitze, indem er den unmittelbaren Rekurs auf den Volkswillen selbst zum zentralen Prinzip seiner Herrschaft machte.

Der Bonapartismus verweist damit auf eine grundlegende Ambivalenz moderner Politik. Die Geschichte der Demokratie ist nicht allein eine Geschichte der Ausweitung politischer Rechte und Partizipation, sondern ebenso eine Geschichte der Aneignung demokratischer Legitimationsformen durch autoritäre Herrschaft. Wahlen, Volksabstimmungen und der Rekurs auf die Volkssouveränität markieren deshalb nicht notwendigerweise den Übergang zur Demokratie. Sie konnten ebenso zu Instrumenten ihrer Begrenzung und zur Stabilisierung autoritärer Herrschaft werden. Napoleon III. gehört zu den frühesten Beispielen dieser Ambivalenz.

Literatur

Anceau, Éric : La première élection présidentielle de l’histoire – 1848, Paris 2022.

Behrisch, Lars: Democracy’s Double Helix: Participation, Equality and Revolution in Early Modern Europe, Cambridge 2025.

Cerezales, Diego Palacios: France Speaks!: Petitioning for Louis-Napoléon in 1851, in: French Historical Studies (2020) 43 (3): 421–450.

Deinet, Klaus: Napoleon III: Frankreichs Weg in die Moderne, Stuttgart 2019.

Guriew, Sergei/Treisman, Daniel: Spin Dictators. The Changing Face of Tyranny in the 21st Century, Princeton 2022.

Hazareesingh, Sudhir: The Legend of Napoleon, London 2005.

Milza, Pierre: Napoléon III, Paris 2004, S. 133-227.

Price, Roger: The French Second Empire. An anatomy of political power, Cambridge 2001.

Rubinella, Lucia: Democracy and Direct Legislation during the French Second Republic, in: Modern Intellectual History (2024), 21, 783–806.

Willms, Johannes: Napoleon III. Frankreichs letzter Kaiser, München 2008.

Bilder

Bild 1: Napoléon-Louis Bonaparte: Des idées napoléoniennes, Bruxelles: Société belge de librairie, Hauman et Cie., 1839, Titelseite.

Bild 2: Portrait de Charles-Louis Napoléon Bonaparte, Vinck Collection. A Century of French History in Prints, 1770-1870, Republic of 1848, ID 15444.

Bild 3: Manifeste du Prince Louis-Napoléon, Paris, 27- November 1848, Bibliothéque nationale de France, Gallica.

Bild 4: Plébiscite du 8 mai 1870, Proclamation de l’Empereur, Bibliothéque de documentation internationale contemporaine, Université Paris Nanterre, L’Argonnaute, AFF11906.

Benjamin Möckel
Benjamin Möckel
Vertretung des Lehrstuhls für Europäische Kultur- und Zeitgeschichte an der Georg-August-Universität Göttingen. Außerdem Leiter der Gerda-Henkel-Forschungsgruppe: „Die ‚Zeit der Demokratie.… Weiterlesen

Nur der Text ist unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell-Keine Bearbeitungen 4.0 International nutzbar. Alle anderen Elemente (Abbildungen, importierte Anhänge) sind „Alle Rechte vorbehalten“, sofern nicht anders angegeben.


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Benjamin Möckel (30. September 2026). Napoleon III. und die Ambivalenzen plebiszitärer Herrschaft. Demokratiegeschichte. Abgerufen am 10. Oktober 2026 von https://demokratie.hypotheses.org/748


Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.